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SCHLAFLOS IN BOCHUM

Ab 12. November 2026 | 20:15 Uhr | ARD Mediathek 14. November 2026 | 20:15 Uhr | Im Ersten
  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber

Stand: September 2026

INHALT

Eine körperlich kleine, aber willensstarke Schauspielschülerin nutzt ihre unverhoffte Karrierechance - und beschließt, sich aus dem bisherigen Rollenmuster in ihrem jungen Leben zu befreien.

Regisseurin Julia Schubeius verfilmte in ihrem ersten Langfilm diese bezaubernde Coming-of-Age-Komödie mit der grandiosen Nachwuchsschauspielerin Leela Scherbaum. Das Drehbuch verfasste sie gemeinsam mit Madeleine Hartung. Auf unterhaltsame Weise gelingt dem Autorinnenduo ein leidenschaftliches Plädoyer für Selbstbestimmung und Vielfalt. Das renommierte Schauspielhaus Bochum diente als Kulisse für einen Film, der die Kraft des Theaters feiert – und dennoch zeigt, dass die Bühne nicht das ganze Leben ist.



Die Abiturientin Charlie (Leela Scherbaum) hat große Träume: Sie will Schauspielerin werden! Mit ihren 1,30 Metern fällt sie zwar auf, doch die Körpergröße spielt bei ihren Ambitionen keine Rolle. Unterstützt wird die 19-Jährige von ihrer alleinerziehenden Mutter Silke (Christina Große), die eine Änderungsschneiderei betreibt. Als bei einer Theaterpremiere eine der Hauptdarstellerinnen einen Bühnenunfall erleidet und ausfällt, nutzt Charlie die Gelegenheit und bietet sich selbstbewusst für die Rolle an. Theaterintendantin Beatrix (Alexandra von Schwerin) sieht ihre Besetzung als Chance, durch mehr Diversität das Image des Theaters aufzupolieren, nur Regisseur Pascal (Jonathan Berlin) reagiert ablehnend auf den unerfahrenen Neuankömmling. Jetzt liegt es an Charlie, sich zu beweisen und allen zu zeigen, dass ihr Platz auf der Bühne ist! Zum Theater gehört allerdings mehr als nur die Schauspielkunst. Das bekommt auch die anfangs noch unbefangene Charlie zu spüren. Zwischen den Erwartungen der anderen und ihren eigenen Bedürfnissen muss die Schauspielerin herausfinden, wer sie wirklich ist - und was sie vom Leben will …



  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber
  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber
  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber
  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber
  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber

Bilder auf Anfrage oder zum Download bei ard-foto.de

BESETZUNG

CHARLIE
Leela Scherbaum
SILKE
Christina Große
PASCAL
Jonathan Berlin
JELENA
Nina Vorbrodt
TIM
Yuri Völsch
BEATRIX
Alexandra von Schwerin
SARA
Déborah Jo

und andere

STAB

REGIE
Julia Schubeius
BUCH
Madeleine Hartung, Julia Schubeius
KAMERA
Borris Kehl
LICHT
Michael Becker
SZENENBILD
Stephanie Ernst
KOSTÜMBILD
Caroline Habicht
MASKE
Janine Schewe, Hanna Buß
CASTING
Johanna Hellwig
MUSIK
Birger Clausen
TON
Oliver Held
MONTAGE
Svenja Baumgärtner
HERSTELLUNGSLEITUNG
Michael Tinney, Olav Henk Kirsten Frehse (ARD Degeto)
PRODUKTIONSLEITUNG
Caren Wiederhold
PRODUZENTIN
Ariane Krampe
REDAKTION
Barbara Süßmann, Stefan Kruppa (beide ARD Degeto)

Gedreht wurde von September bis Oktober.2024 in Köln, Leverkusen und Bochum.

„Schlaflos in Bochum“ ist eine Produktion der Bantry Bay Productions im Auftrag der ARD Degeto für die ARD.

  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber

INTERVIEWS & STATEMENTS

LEELA SCHERBAUM

als Charlie

Charlie ist 19, selbstbewusst, schlagfertig und fest entschlossen, Schauspielerin zu werden. Dass sie kleinwüchsig ist, gehört für sie selbstverständlich zu ihrem Leben. Zum Problem wird es vor allem dann, wenn andere ihr deshalb weniger zutrauen. Als sie überraschend eine Rolle am Theater bekommt, scheint ihr großer Traum zum Greifen nah.



INTERVIEW MIT LEELA SCHERBAUM

Meine Größe gehört zu mir, aber sie macht mich nicht aus.

LEELA SCHERBAUM

Charlie weiß zu Beginn ziemlich genau, was sie will - zumindest glaubt sie das. Was hat Sie an dieser jungen Frau besonders interessiert?

"Das Schöne an dieser Geschichte ist für mich, dass man einer jungen Frau dabei zuschaut, wie sie ihren Platz in der Welt sucht und für sich selbst herausfindet, wer sie sein möchte. Klar, sie ist eben kleiner. Da Leidenschaften allerdings keine Körpergröße kennen, ändert das natürlich nichts an ihren Träumen. Sie lässt sich nicht einschüchtern und steht für sich ein. In vielen Dingen ist sie mir sehr ähnlich: in ihren Interessen, ihrer Art und auch damit, wie sie mit bestimmten Situationen umgeht. Trotzdem sind wir sehr verschieden, auch in der Art, mit unserem Kleinwuchs umzugehen. Während sie offen mit ihrer Behinderung umgeht, war ich diesbezüglich lange Zeit zurückhaltender. Charlie zu spielen hat sich teilweise angefühlt, als würde ich eine alternative Version meines eigenen Lebens ausprobieren. Viele der im Film verhandelten Themen sind mir sehr nah und bestimmte Gespräche, die Charlie führt, habe ich selbst bereits in ähnlicher Form geführt. Die Rolle war also nicht nur schauspielerisch für mich interessant, sondern auch eine persönliche Auseinandersetzung mit mir selbst. Besonders schön finde ich auch, dass Charlie am Ende entgegen allen Erwartungen eine Entscheidung trifft, die nur für sie selbst richtig ist. Von Menschen mit Behinderung wird oft automatisch erwartet, für andere inspirierend sein zu müssen. Sie entscheidet bewusst, kein Vorbild zu sein, nur weil sie eine starke, kleinwüchsige Frau ist."

Während Charlie im Film herausfinden muss, ob die Schauspielerei wirklich ihr Weg ist, haben Sie sich danach für ein Schauspielstudium in Hamburg entschieden. Welche Rolle hat der Film bei dieser Entscheidung gespielt?

"Bevor ich mich ganz für die Schauspielerei entschieden habe, hatte ich immer wieder Zweifel, ob es überhaupt genügend Rollen gibt, die ich spielen könnte. Natürlich gibt es mittlerweile mehr Sichtbarkeit und damit auch mehr Rollen für kleinwüchsige bzw. behinderte Schauspieler*innen. Gleichzeitig gehen viele dieser Rollen leider immer noch mit Klischees und bestimmten Vorstellungen einher. Oft liegt der Fokus mehr auf der Behinderung, als auf der Figur selbst. Während der Arbeit am Film habe ich allerdings bemerkt, dass meine Freude an der Schauspielerei diese Zweifel überwiegt. Der Film zeigt, dass es sich lohnt, an die eigenen Fähigkeiten zu glauben, auch wenn der Weg vielleicht nicht immer einfach ist. Zudem ist es unfassbar schön zu sehen, dass es Filmemacher*innen und Autor*innen wie Julia Schubeius und Madeleine Hartung gibt, die daran interessiert sind, Geschichten zu erzählen, die noch viel zu selten erzählt werden. Ich wünsche mir, dass solche Geschichten ganz selbstverständlich zur Film- und Fernsehlandschaft gehören. Dass die Gesellschaft so divers repräsentiert wird, wie sie eben ist."

Charlie sagt, ihre Größe habe sie nie gestört, wohl aber, dass sie damit immer auffällt. Wie nah ist Ihnen diese Haltung?

"Im Gegensatz zu Charlie hat mich meine Körpergröße schon teilweise gestört. Man wächst in einer Welt auf, die irgendwie nicht für einen selbst ausgelegt zu sein scheint. Dass man damit auffällt, kann manchmal belastend sein. Mit der Zeit entwickelt man Strategien, damit umzugehen. Natürlich gibt es Situationen, in denen ich mir wünsche, weniger aufzufallen, gleichzeitig möchte ich die Person nicht missen, die ich durch die Erfahrungen, die mit meiner Größe einhergehen, geworden bin. Meine Größe gehört zu mir, aber sie macht mich nicht aus."

Charlie möchte als Schauspielerin ernst genommen werden - unabhängig von ihrer Körpergröße. Erleben Sie Situationen, in denen Sie sich wünschen, dass man zuerst die Schauspielerin Leela Scherbaum sieht?

"So wie ich mir oft Gedanken gemacht habe, dass ich aufgrund meiner Körpergrößen weniger Rollen spielen könnte, hatte ich auch Angst, ausschließlich wegen meiner Körpergröße besetzt zu werden. Am liebsten wäre mir natürlich, dass meine Größe überhaupt keine Rolle spielt, dass meine Fähigkeiten und Persönlichkeit im Vordergrund steht. Gleichzeitig ist meine Körpergröße ein Teil meiner Lebensrealität, den ich nicht einfach ablegen kann. Dieser geht auch mit einer Empathie für bestimmte Situationen und Umstände einher, die einem in der Schauspielerei zugutekommen kann. Ich finde die Balance wichtig: meine Körpergröße kann eine Rolle spielen, wenn sie für die Figur relevant ist, aber sie soll nicht die wichtigste Eigenschaft sein."

Im Laufe des Films beginnt Charlie, ihren großen Traum zu hinterfragen. Wie wichtig ist es, sich auch von einem lange verfolgten Ziel verabschieden zu dürfen?

"Ich denke, man entwickelt sich stetig (weiter?). Auch die eigenen Träume tun das. Ich glaube, oft setzt man sich ein Ziel und merkt dann nach einiger Zeit, dass es sich nicht mehr richtig anfühlt. Sich dann einzugestehen, dass man doch einen anderen Weg gehen möchte, kann oft schwer sein, besonders, wenn man schon viel Zeit und Energie in dieses Ziel investiert hat. Aber Ziele müssen nicht unbedingt statisch sein. Ich finde es wichtig, immer wieder in sich reinzuhören und sich zu fragen, ob das, was man gerade verfolgt, noch zu einem passt. Sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und sich gegen den bereits gegangenen Weg zu entscheiden, finde ich genau so mutig, wie diesen weiterhin zu verfolgen. Vielleicht führt einen ein neuer Weg ja zu einem Ziel, das noch viel besser zu einem passt."

Charlie muss sich ihren Platz am Theater erkämpfen. Was bedeutet Mut für Sie persönlich?

"Mut kommt in ganz unterschiedlichen Formen: etwas zu wagen, einen neuen Schritt zu gehen, sich selbst herauszufordern -oder das Gegenteil: Nein zu sagen, eine Grenze zu setzten, sich einzugestehen, dass manches eben nicht zu einem passt. Für mich bedeutet Mut, trotz Unsicherheit auf sich selbst und den eigenen Weg zu vertrauen."

  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber

CHRISTINA GROßE

als Silke

Silke hat ihre Tochter Charlie mit viel Liebe und bedingungsloser Unterstützung großgezogen. Wenn es um Charlie geht, ist sie es gewohnt, für sie einzustehen, manchmal mehr, als ihrer Tochter inzwischen lieb ist. Während Charlie zunehmend ihren eigenen Weg geht, muss auch Silke lernen loszulassen und wieder stärker auf ihre eigenen Wünsche zu schauen.



INTERVIEW MIT CHRISTINA GROßE

Sich in diesen Situationen nicht zu verstecken oder zu verweigern, sondern mit Zuversicht und Hoffnung weiterzumachen, bedeutet Mut. Und diesen Mut braucht man nicht nur im Privaten, sondern gerade jetzt und heute auch in unserer gesamten Gesellschaft.

CHRISTINA GROßE

Silke hat ihr Leben sehr stark auf ihre Tochter ausgerichtet. Sie selbst haben zwei Söhne: Wie gelingt die Balance zwischen dem Leben für die Familie und den eigenen Wünschen?

"Eine eigene Familie zu haben und Mutter zu sein, ist mir in meinem Leben passiert. Und ich habe versucht, nie zu unterscheiden zwischen der Familie und meinen Wünschen; sondern ich sehe das Ganze als mein - also unser – Leben, nehme es an und bin sehr glücklich darüber. Der eigentliche Balanceakt ist eher das Familienleben mit den Herausforderungen des Schauspieler*innendaseins zu verbinden. Andererseits war es aber genau durch diesen besonderen Beruf möglich, genügend Freiräume für mich zu haben."

Silke hat Charlie von klein auf viel Selbstvertrauen mitgegeben. Was können Eltern ihren Kindern mit auf den Weg geben – und was müssen sie selbst lernen?

"Ohne Wenn und Aber die eigenen Kinder zu lieben, empfinde ich als grundlegend für alle Lernprozesse. Zu erfahren: Ich darf Fehler machen. Ich muss nicht perfekt sein. Ich kann aus Fehlern lernen. Sich zu streiten und sich zu entschuldigen, eine eigene Meinung zu haben und genauso die Meinung anderer zu respektieren. Für sich einzustehen, aber auch für andere. Humor, Leichtigkeit, Nächstenliebe im weitesten Sinne – und genauso, sich selbst zu lieben. All das haben wir versucht, unseren Kindern mit auf den Weg zu geben. Wie das dann alles lebbar ist, wenn wir als Eltern nicht mehr unmittelbar in der Nähe sind, ist der große Lernprozess, der ein Leben lang anhält."

Durch die Begegnung mit ihrer alten Freundin Jelena verändert sich auch für Silke etwas. Welche Bedeutung haben alte Freundschaften in Ihrem eigenen Leben?

"Langjährige Freundschaften sind ein großes Geschenk, zumal das Kennenlernen und die gemeinsam verbrachte Zeit oft in ganz verschiedene Lebensphasen fällt. Somit werden es im Laufe der Jahre immer mehr langjährige Freundschaften. Ich pflege meine Freundschaften sehr und genieße es, einen großen Freundeskreis haben zu dürfen."

Charlie und Silke stehen beide vor einem Neuanfang – nur in unterschiedlichen Lebensphasen. Ist Erwachsenwerden für Sie etwas, das uns ein Leben lang begleitet?

"Ich kann mit dem Begriff des Erwachsenwerdens nicht so viel anfangen. Je älter ich werde, desto mehr habe ich das Gefühl, dass wir jedes Alter in uns tragen. Ich möchte ein bestimmtes Maß an Kindsein-dürfen nicht missen. Und genau deshalb liebe ich meinen Beruf so sehr, ich darf und muss hier immer ein Stück Kind bleiben."

Der Film erzählt auf ganz unterschiedliche Weise davon, den eigenen Weg zu finden. Wann braucht es Ihrer Erfahrung nach im Leben besonders viel Mut?

"Sich eigene Fehler einzugestehen, sich entschuldigen zu können und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, verlangt Mut. Genauso braucht man Mut, in all den Situationen, in denen sich im Leben wirklich etwas verändert bzw. Probleme unüberwindlich erscheinen. Sich in diesen Situationen nicht zu verstecken oder zu verweigern, sondern mit Zuversicht und Hoffnung weiterzumachen, bedeutet Mut. Und diesen Mut braucht man nicht nur im Privaten, sondern gerade jetzt und heute auch in unserer gesamten Gesellschaft."

  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber

JONATHAN BERLIN

als Pascal

Pascal ist ein ambitionierter Theaterregisseur, der Charlie zunächst wenig zutraut und von ihrer Besetzung alles andere als begeistert ist. Doch die selbstbewusste junge Frau fordert nicht nur seine Vorstellungen von Schauspiel heraus – sondern bringt ihn auch persönlich zum Umdenken.



INTERVIEW MIT JONATHAN BERLIN

Der gezwungene Versuch, etwas durch Unauffälligkeit zu normalisieren, wird aber eben oft unserer Lebenswirklichkeit nicht gerecht.

JONATHAN BERLIN

Pascal will sich als Regisseur beweisen und gleichzeitig beruflich wie privat allen gerecht werden. Kennen Sie selbst den Wunsch, es möglichst vielen Menschen recht machen zu wollen?

"Absolut, das kenne ich gut. Das ist definitiv ein Punkt, an dem ich mich selbst noch in einem Lernprozess befinde. Ich verstehe Pascal sehr gut darin, sich aufteilen zu wollen und sich dadurch aber eigentlich nur weiter zu verstricken. Ich hoffe, dass man hier mit steigender Lebenserfahrung dazu lernt."

Pascal unterschätzt Charlie zunächst gründlich. Wie schnell machen wir uns Ihrer Meinung nach ein Bild von anderen Menschen?

"Sicherlich viel zu schnell, gerade in unseren Zeiten. Ein bei vielen hoher Stresspegel und Social Media lassen uns, glaube ich, oft den genauen Blick verlieren. Wir nehmen uns nicht mehr die Zeit, genau hinzuschauen, stecken in Vorurteilen fest und bewerten über eine Situation oft direkt den ganzen Menschen. Dadurch nehmen wir uns selbst viel Raum für Begegnung und Empathie miteinander. Was gesellschaftlich teilweise sicherlich fatal ist."

Pascals Sohn Maxi trägt Hörgeräte, die zunächst möglichst wenig auffallen sollen. Was hat Sie an diesem Teil seiner Geschichte besonders beschäftigt?

"Ich denke, für uns alle ist eine wichtige Frage: Wie selbstverständlich stehen wir zu unseren Schwächen? Sind es überhaupt Schwächen in dem Sinn oder etwas, das uns durch gesellschaftliche Prägung als solche suggeriert werden? Pascal versucht, die Hörprobleme seines Sohnes nach außen so unauffällig wie möglich zu halten. Der gezwungene Versuch, etwas durch Unauffälligkeit zu normalisieren, wird aber eben oft unserer Lebenswirklichkeit nicht gerecht. Manchmal ist es vielleicht einfach ehrlicher, zu etwas ganz selbstverständlich zu stehen und das auch nicht zu verstecken. Deshalb mochte ich es auch immer, dass Pascal in der letzten Szene, die er mit seinem Sohn hat, dessen funkelnde Hörgeräte betrachtet und sagt: „Die glitzern echt total schön.“"

Pascal muss im Laufe der Geschichte einige seiner Überzeugungen revidieren. Wie schwer fällt es Ihnen selbst, zu sagen: „Ich habe mich geirrt“?

"Sicherlich würde ich lügen, zu sagen, dass es mir leichtfallen würde. Tatsächlich bin ich gut darin, mich zu entschuldigen, auch um sich einander wieder anzunähern. Manchmal nervt es sogar Leute an mir, wenn es etwas inflationär wird. Tatsächlich halte ich aber den Satz „Ich habe mich geirrt.“ für noch entscheidender. Denn gerade jetzt scheinen viele Meinungen und Perspektiven derart verfestigt, dass wir kaum einen neuen Blick auf uns und damit auch auf die Welt zulassen können. Damit tun wir uns gegenseitig nicht gut und auch uns selbst nicht. Bestimmt könnten wir politisch wie gesellschaftlich an einem ganz anderen Punkt sein, wenn alle diesen Satz mehr in ihr Leben integrieren würden."

Sie haben öffentlich darüber gesprochen, wie wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen. Was braucht es Ihrer Meinung nach, um genau das zu können?

"Ich glaube, das ist eine hochindividuelle Angelegenheit. Es hat so viel damit zu tun, wie man aufgewachsen ist, aus welchem Umfeld man kommt, wie viele liebevolle Erfahrungen man gemacht hat oder wie viel Ablehnung und Diskriminierung man eben auch erlitten hat. In irgendeiner Weise braucht es dafür, denke ich, ein Gefühl von Mut und Sicherheit in sich selbst, durch einzelne Erfahrungen oder Menschen um einen herum. Insofern würde ich sagen, dass es ja auch kein abgeschlossener Prozess ist, dieses „zu sich selbst stehen“, sondern man muss das vermutlich immer wieder neu für sich entdecken."

  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber

JULIA SCHUBEIUS

Regisseurin & Co-Autorin

Wichtig bei der Inszenierung war mir, Klischees und Vorurteile nicht zu reproduzieren, sondern mit ihnen aufzuräumen.

JULIA SCHUBEIUS

Der Stoff begleitet Sie schon seit 2022 und hat auf dem Weg zum fertigen Film mehrere Fassungen durchlaufen. Was hat sich in dieser Zeit für Sie am stärksten verändert – und was stand von Anfang an fest?

"Ich wollte von Anfang an eine Geschichte über eine willensstarke Frau erzählen, die für sich einsteht und ihre Kleinwüchsigkeit als wichtigen Teil von sich begreift. Die erste Idee dazu hatte ich tatsächlich schon 2019. Damals hieß Charlie noch Jaqueline, war Mitte dreißig und schwer verliebt in den Hauptdarsteller eines Theaterstücks, für das sie nur vorsprach, um ihm näher zu sein. Seitdem ist viel passiert. Als ich die Drehbuchautorin Madeleine Hartung, mit der ich bereits viele gemeinsame Projekte umsetzen durfte, für den Stoff begeistern konnte, ist Jaquelines Geschichte vor allem wahrhaftiger und nahbarer geworden. 2022 begann dann die Zusammenarbeit mit der ARD Degeto und wir legten ein besonderes Augenmerk auf die Figur der Mutter und die Beziehung zu ihrer Tochter. Das war ein wichtiger Impuls und hat einen kreativen Prozess angestoßen, der den Film mit seinen komplexen Figuren und Themen zu dem macht, der er heute ist."

Sie erzählen von Diversität, ohne daraus eine Problemgeschichte zu machen. Was war Ihnen bei der Inszenierung besonders wichtig, damit Charlie vor allem als junge Frau auf der Suche nach ihrem eigenen Weg wahrgenommen wird?

"Charlies Geschichte ist eine, die jeder Person passieren kann, unabhängig davon wie sie aussieht. Charlies Kleinwüchsigkeit ist Teil ihrer Lebensrealität und stellt kein Problem dar. Sie ist einfach eine junge Frau auf der Suche nach ihrem Weg und darin habe ich sie ernst genommen. Wichtig bei der Inszenierung war mir, Klischees und Vorurteile nicht zu reproduzieren, sondern mit ihnen aufzuräumen. Die Reibung mit Menschen, die Charlie wegen ihrer Größe unterschätzen, hat mich dabei besonders interessiert. Wir alle haben aufgrund unserer Sozialisierung Vorurteile über Menschen mit Behinderung in uns. Das zu wissen und sich Rat von Personen aus der Community zu holen, ist für meine Inszenierung eine Grundvoraussetzung gewesen."

Als Co-Autorin haben Sie gemeinsam mit Madeleine Hartung am Drehbuch gearbeitet und den Film anschließend selbst inszeniert. Wie verändert sich der Blick auf die eigenen Figuren, wenn sie am Set plötzlich von Schauspielerinnen und Schauspielern zum Leben erweckt werden?

"Ich liebe diesen magischen Moment, wenn die Figuren durch die Spielenden an Facetten und Tiefgründigkeit gewinnen. Durch eine gute Vorbereitung miteinander verändert sich der Blick auf die Figuren nicht unbedingt, das Gefühl zu ihnen wird klarer und die Figuren machen sich auf eine ganz wunderbare Weise selbstständig. Hier ist die enge Zusammenarbeit mit Madeleine Gold wert. Auch wenn es darum geht nach vielen intensiven Drehtagen den Blick auf die Figuren nicht mit persönlichen Gefühlen zu den Spielenden zu vermischen. Das ist immer wieder eine Herausforderung."

Der Film erzählt viel vom Mut, den eigenen Weg zu gehen. War dieser erste große Fernsehfilm auch für Sie persönlich ein mutiger Schritt?

"Für mich persönlich war es eine wahnsinnig bereichernde Erfahrung und es ist auf jeden Fall ein erster wichtiger Schritt in die Welt des Fernsehens. Anders als bisher, wo unsere Filme von einem verhältnismäßig kleinen Festivalpublikum gesehen wurden, wird dieser Film nun der großen Öffentlichkeit präsentiert. Für diese Chance sind wir sehr dankbar. Ich bin, wie auch Charlie zu Beginn, total bereit und freue mich auf alles, was folgt."

  • Bild: ARD Degeto/ Bantry Bay Productions/ Martin Rottenkolber

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