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Medien
  • ARD
  •  | Helmut Fischer
  •  | NEUESUPER GmbH / Hubert Mican















Mini-Serie (6 x 45 Min.)

Breitscheidplatz 19/12

AB FREITAG, 30. OKTOBER 2026 | ARD MEDIATHEK | ALLE FOLGEN AM SONNTAG, 1. NOVEMBER 2026 | AB 21:45 UHR | DAS ERSTE | 1+2 AM FREITAG, 6. NOVEMBER | AB 23:55 UHR | DAS ERSTE | 3–6





  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Hubert Mican

Stand: September 2026

STATEMENTS







Fragen, die bis heute offen sind

Es gibt Ereignisse, die unser Land bewegt und berührt haben und die Teil unserer gemeinsamen Erinnerung und Identität geworden sind. Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz gehört zweifellos dazu. Zehn Jahre danach den Blick noch einmal auf dieses Ereignis und die Fragen zu richten, die bis heute offen sind, macht deutlich, wie fiktionales Erzählen dazu beitragen kann, Geschichte greifbar zu machen – und genau dafür stehen ‚Breitscheidplatz 19/12‘ und wir als ARD: relevante Geschichten zu erzählen, die uns als Gesellschaft beschäftigen.

(Christine Strobl, ARD-Programmdirektorin)

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Petro Domenigg





Wie hätte das verhindert werden können?

Was am 19. Dezember 2016 geschehen ist, lässt sich nicht einfach erzählen. Uns, und insbesondere den Kreativen, die hinter ‚Breitscheidplatz 19/12‘ stehen, war es ein Anliegen, den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt nicht nachzuerzählen, sondern bewusst einen Scheinwerfer darauf zu richten, wo immer noch Schatten ist: Auf das, was vor dem 19. Dezember 2016 passiert ist, auf Warnsignale, Entscheidungen, auf mögliche Versäumnisse. Herausgekommen ist eine detailliert recherchierte und packende Serie, die die Augen vor den schrecklichen Ereignissen nicht verschließt, sondern die Frage stellt: Wie hätte das verhindert werden können?

(Christoph Pellander, Geschäftsführer der ARD Degeto Film)







  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Hubert Mican

INHALT



Berlin, 19. Dezember 2016: Ein Lastwagen rast in den Weihnachtsmarkt auf den Breitscheidplatz. Die Tat, die Trauer um die Opfer und die vielen offenen Fragen stehen für einen der schwersten Terroranschläge in der Geschichte der Bundesrepublik. Entlang wahrer Begebenheiten und genau recherchierter Ereignisse erzählen Regisseur und Autor David Nawrath, Autor David Marian und das Autorenteam – mit teils fiktionalen Elementen und Figuren – von ignorierten Warnsignalen, behördlichen Zuständigkeitskonflikten und möglichen Versäumnissen.

Während der vielfach ausgezeichnete Albrecht Schuch als gewissenhafter Staatsschützer und Bayan Layla, die bereits hochkarätig prämierte Newcomerin, als mutige Polizeianwärterin mit irakischer Migrationsgeschichte für Entschlossenheit stehen, legt ihnen Hanno Koffler als abgebrühter BKA-Karrierist vorsätzlich Steine in den Weg. Mit physischer Intensität bewegt sich Tamer Trasoglu als zwielichtiger Undercover-Informant in einer Grauzone zwischen Vertrauen, Verrat und Todesgefahr. Den aus Tunesien stammenden Attentäter Anis Amri, der trotz zahlreicher Warnungen den Anschlag ungehindert verüben konnte, spielt der Berliner Nachwuchsschauspieler Wael Alkhatib.

Die Chronologie der Vorgeschichte ab 2015 – verstärkt durch die Terroranschläge in Frankreich 2015 – führt zu einer Tragödie, die sich an Knotenpunkten der Erzählung hätte verhindern lassen. Trotz eines dreijährigen Bundestags-Untersuchungsausschusses, dessen Dokumente bis heute größtenteils unter Verschluss geblieben sind, bleiben schmerzliche Fragen der Verletzten, Angehörigen und der Öffentlichkeit auch zehn Jahre nach „19/12“ unbeantwortet.

Deutschland 2015: Der Islamische Staat rekrutiert im Umfeld salafistischer Netzwerke Kämpfer für den syrischen Bürgerkrieg. Der NRW-Staatsschützer Laudin (Albrecht Schuch) beobachtet einen Medizinstudenten (Doguhan Kabadayi), der sich den Terrormilizen anschließen möchte. Um an die Hassprediger heranzukommen, die junge Männer radikalisieren, schleust Laudin einen Informanten in das IS-Milieu ein: den Ex-Kriminellen Murat Cem (Tamer Trasoglu), der sich seine riskanten Dienste bezahlen lässt. Dank seiner Freundschaft mit dem Prediger Salman (Damir Avdic) findet der abgebrühte Cem bald einen Platz in der Bruderschaft. Dort lernt er einen jungen Mann kennen, den er für den Idealtypen eines künftigen Attentäters hält: Anis Amri (Wael Alkhatib), ein labiler und gewaltbereiter Einzelgänger. Cems Hinweisen geht die junge Polizeibeamtin Isra Al-Husseini (Bayan Layla) nach, die selbst mit ihrer Familie aus dem Irak geflohen ist. Doch der BKA-Ermittler Heyse (Hanno Koffler) hält Amri für einen kleinen Fisch.

Nach den Anschlägen in Frankreich steigt der politische Druck und Frank Laudin erwartet einen Anschlag in Deutschland. Zugleich erschweren föderale Zuständigkeiten, institutionelle Rivalitäten und politische Interessen die Ermittlungen. Anis gerät aus dem Blick der Behörden. Als er am 19. Dezember 2016 in Berlin einen Lastwagen entführt und in den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz steuert, ist es zu spät. Die Serie stellt die Frage: Hätte der Anschlag verhindert werden können?





Eine kritisch hinterfragende Annäherung

Wie erzählt man eine Geschichte, die auf einem realen Ereignis basiert und deren gesellschaftliche, politische und persönliche Dimensionen bis heute nachwirken - ohne zu vereinfachen, ohne zu spekulieren und ohne die Perspektiven der unmittelbar Betroffenen aus dem Blick zu verlieren? Diese Frage hat uns bei der Entwicklung der Serie von Anfang an begleitet. Jahrelange Recherchen und Gespräche mit Ermittler:innen, juristischen Berater:innen sowie Betroffenen haben uns immer wieder gezeigt, dass vieles über die Ereignisse, die dem 19. Dezember 2016 vorausgingen, bis heute ungeklärt geblieben ist. Wir werden diese offenen Fragen in letzter Konsequenz möglicherweise nie vollständig beantworten können. Aber auf Grundlage unserer Recherchen können wir eine begründete, sorgfältig abgewogene, aber durchaus kritisch hinterfragende Annäherung daran entwickeln, wie sich die Ereignisse möglicherweise entfaltet haben und welche Entscheidungen und Versäumnisse dabei eine Rolle gespielt haben könnten. Diese Verantwortung zu übernehmen, war uns wichtig. Dafür brauchte es ein Team, das bereit war, sich dieser Komplexität zu stellen, Widersprüche auszuhalten und gemeinsam eine Erzählung zu entwickeln, die den offenen Fragen gerecht wird.

(Simon Amberger, Produzent: NEUESUPER)

  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Sofia Velasquez

Folgen

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Petro Domenigg

Deutschland im Sommer 2015: Der Islamische Staat (IS) rekrutiert für den Krieg in Syrien. In NRW lässt der LKA-Dezernatsleiter Friedrich (Bernd Hölscher, Mitte) den radikalisierten Studenten Soylu hochnehmen, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Hubert Mican

Der Staatsschützer Laudin (Albrecht Schuch) weiß jedoch, was wirklich fehlt: Er verpflichtet den Ex-Kriminellen Cem (Tamer Trasoglu) als Informanten.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Petro Domenigg

Murat Cem (Tamer Trasoglu, li.) mit Prediger Emin Simsek (Özgür Karadeniz) in der Moschee.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Hubert Mican

Karsten Heyse (Hanno Koffler, li.) vom BKA trifft auf seinen alten Bekannten Frank Laudin (Albrecht Schuch).

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Petro Domenigg

Murat Cem (Tamer Trasoglu) sieht mit den Islam-Schülern erschreckende Videos aus Syrien.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Hubert Mican

Wer ist der Drahtzieher hinter den Attentätern? Das Team um Frank Laudin (Albrecht Schuch) ermittelt.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Hubert Mican

Ralf Blitzki (Sascha Geršak) bei einer Besprechung des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ).

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Petro Domenigg

Der Attentäter Anis Amri (Wael Alkhatib, liegend) und V-Mann Murat Cem (Tamer Trasoglu, re) freunden sich an.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Petro Domenigg

Abu Salman (Damir Avdic, re) indoktriniert junge Islamschüler.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Petro Domenigg

Mo (Ali Reza Ahmadi) und Lina (Maria Matschke Engel) treffen sich zum ersten Mal.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/Sofia Velasquez

Frank Laudin (Albrecht Schuch, li) und Jakob Friedrich (Bernd Hölscher) streiten sich mit dem BKA vor einem Richter.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/Sofia Velasquez

Karsten Heyse (Hanno Koffler) vom BKA muss sich vor dem Untersuchungsausschuss erklären.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/ Hubert Mican

Beim LKA knallen die Sektkorken: Durch den Kronzeugen werden IS-Strukturen zerschlagen – und führende Köpfe verhaftet. Isra (Bayan Layla) und Katja (Jeanne Goursaud) feiern mit Kolleg:innen.

  • Bild: ARD Degeto Film/Neuesuper GmbH/Sofia Velasquez

Obwohl Frank Laudin weiter vor Anis Amri (Wael Alkhatib) warnt, kann dieser im Dezember 2016 unbehelligt seinen Anschlag vorbereiten…

BESETZUNG & STAB

BESETZUNG

FRANK LAUDIN
Albrecht Schuch
ISRA AL-HUSSEINI
Bayan Layla
MURAT CEM
Tamer Trasoglu
ANIS AMRI
Wael Alkhatib
KATJA SEIBERT
Jeanne Goursaud
JAKOB FRIEDRICH
Bernd Hölscher
KARSTEN HEYSE
Hanno Koffler
ANDRÉ ZAWORSKI
Dirk Warme
MATTHIAS LEHNERT
Jakob Geßner
BARAN SOYLU
Doguhan Kabadayi
ABU SALMAN
Damir Avdic
ABU WALA’A
Ibtasamm Shah
YUSSUF KUTULAY
Karam Jumaa
KLAUS DIETER WOLFRAM
Thomas Dehler

u. v. m.



STAB

REGIE
David Nawrath
BUCH
David Marian David Nawrath
KAMERA
Tim Kuhn
LICHT
Markus Harthum (Österreich) Richard Nitsche (Deutschland)
SZENENBILD
Katrin Huber Gerhard Dohr
KOSTÜMBILD
Monika Buttinger
MASKE
Uschi Braun
CASTING
Stephanie Maile
MUSIK
Dascha Dauenhauer
TON
Klaus Kellermann (Österreich) Antje Volkmann (Deutschland)
SOUNDDESIGN
Jürgen Schulz Bernd Siebenhofer Francesco S. Zecchin
SCHNITT
Stefan Kobe Zoë Dahmen
HERSTELLUNGSLEITUNG
Patrick Wosien Peter Dittberner Axl Newrkla (Österreich)
PRODUKTIONSLEITUNG
Viktoria Zellner (Österreich) Sandra Moll (ARD Degeto Film)
PRODUCERINNEN
Angelina Maron Nina El Nagar Alina Rhotert
PRODUZENTEN
Simon Amberger Rafael Parente Korbinian Dufter
REDAKTION
Carolin Haasis (ARD Degeto Film) Christoph Pellander (ARD Degeto Film) Kerstin Freels (rbb) Jörg Himstedt (HR) Rike Steyer (NDR) Christian Granderath (NDR)

Gedreht wurde vom 20. Mai bis 27. August 2025 in Wien und Berlin.

„Breitscheidplatz 19/12“ ist eine Produktion der NEUESUPER in Koproduktion mit ARD Degeto Film, rbb, HR und NDR für die ARD.





  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Hubert Mican

INTERVIEWS

Ein nicht nachvollziehbares, völlig sinnentleertes Hindernis

Albrecht Schuch

(Frank Laudin)

Der Truck auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, das Grauen dieses terroristischen Akts ist tief im kollektiven Gedächtnis Deutschlands verankert. In welcher Situation haben Sie von dem Anschlag erfahren?

Ich war bei Freunden in Mecklenburg-Vorpommern, als ich von dem Anschlag erfahren habe. Und, wie wahrscheinlich viele, in vorweihnachtlicher Stimmung. In diesem Dorf, fernab vom Geschehen, war ich sofort angefasst von den Neuigkeiten. Nach den Anschlägen in Nizza und im Bataclan in Paris jetzt also bei uns, das hat mir ein mulmiges Gefühl gegeben. Ich hatte Mitgefühl mit den Opfern und Angehörigen, mit denen, die das miterleben mussten.

Inwiefern konnten Sie in Vorbereitung auf Ihre Rolle Frank Laudin auf die eigenen Erinnerungen an jenen 19. Dezember zurückgreifen?

Meine Erinnerungen und Gefühle haben mit der Reaktion von Laudin nicht viel gemein. Laudin reagiert anders darauf. Er ist nicht abgebrüht, aber er geht systematischer mit solchen Informationen um. Er ist kein „Gefühlsarbeiter“ wie ich es bin. Bei mir trägt sich das in mein Privatleben hinein, und ich betrachte die Welt emotionaler als Laudin. Er ist pragmatischer und analytischer. Er packt das anders weg und rattert sofort weiter in seiner Fallbetrachtung.

Als Leiter der Ermittlungskommission „Ventum“ wird Ihre Figur beauftragt, den Kopf der IS-Zelle in Deutschland zu finden. Laudin bekommt dabei immer wieder zu spüren, wie wenig er und seine Warnungen gehört werden. Wie hat es sich bei der Darstellung Ihrer Figur angefühlt, immer wieder an innerbehördliche Grenzen zu stoßen?

Ich habe im Vorfeld mit LKA-Beamten gesprochen, bin mit ihnen durch ihr Einsatzgebiet gefahren. Sie haben oft davon gesprochen, dass es wahnsinnig zermürbend ist. Was mir in Erinnerung geblieben ist, sind die eigenen Gesetze pro Bundesland. Die immer wieder neu überprüft werden müssen, wo unterschiedliche Gesetzeslagen herrschen, wo man eine Zielperson teilweise nicht mehr verfolgen darf oder sie einem durch die Lappen geht. Für Laudin ist das ein nicht nachvollziehbares, völlig sinnentleertes Hindernis. Er versucht dennoch das Bestmögliche, arbeitet sich wund. Da kann man schwer ein Albrecht Schuch sein, der alles emotional betrachtet. Da muss man sich krass abgrenzen können. Ich habe mich an diesem Widerstand die ganze Zeit gerieben. Aber Widerstände helfen mir als Schauspieler natürlich, eine Figur zu leben, zu erwecken. Ich suche immer nach Widerständen.

Sie zeigen ausdrucksstark, wie Frank Laudin seinen Alltag in sich hineinfrisst. Nach außen gibt sich Ihre Figur stoisch. Wieviel Albrecht Schuch findet sich in Frank Laudin?

Ich fresse keinen Alltag in mich rein, nicht in dem Maße, wie es Herr Laudin tut. Ich gehe bestimmt auch mal über meine Grenzen, aber auch nicht in dem Maße. Ich mache das für sechs Monate. Meine Figur macht das für viele Jahre. Das ist kein Vergleich. Ich habe eine Pause nach so einem Dreh und weiß immer, dass dieser mich nicht das Leben kosten kann. In Laurins Alltag gibt es ganz andere lebensbedrohliche Realitäten. Und das führt natürlich zu einem ganz anderen Druck. Wenn ich mit Druck umgehen muss, dann bin ich wahrscheinlich wie viele und mache es erstmal mit mir aus. Aber ich habe mittlerweile gelernt, dass es viel besser ist, wenn man sich mitteilt …







  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Sofia Velasquez

Es zeigt, wie willkürlich und sinnlos so eine Tat ist.

Bayan Layla

(Isra Al-Husseini)

Sie sind in Syrien aufgewachsen und kamen für ein Studium 2014 nach Deutschland. Als der terroristische Anschlag in Berlin erfolgte, waren Sie gerade zwei Jahre in Deutschland, lebten in Leipzig. Wie hat der Terrorakt Ihrer Wahrnehmung nach Deutschland und das Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Gruppen beeinflusst?

Es ist schon erschreckend, dass mein erster Gedanke bei einem Anschlag oft ist: Hoffentlich hat der Täter keinen Migrationshintergrund. Nicht, weil es das Leid der Opfer relativieren würde, sondern weil ich weiß, wie schnell danach pauschalisiert wird – dass plötzlich alle Migrant:innen unter Generalverdacht stehen. Ich war zufällig an dem Tag in Berlin. Bei der Recherche für meine Figur habe ich herausgefunden, dass mehrere Opfer auch „nur zu Besuch“ in der Stadt waren – genau wie ich. Das hat mich sehr getroffen: Es zeigt, wie willkürlich und sinnlos so eine Tat ist.

Ihre Muttersprache ist Arabisch. In „Breitscheidplatz 19/12“ spielen Sie Ihre Rolle Isra, eine angehende Kriminalkommissarin, in beiden Sprachen. Wie haben Sie die bilinguale Arbeit erlebt? Und wie viele Sprachen beherrschen Sie?

Die Arbeit an Isra war ein großes Geschenk – nicht zuletzt wegen des großartigen Teams. Ich hatte bisher leider selten die Gelegenheit, in meiner Muttersprache zu spielen, umso schöner war es hier. Unser Fachberater Yasser hat uns dabei fantastisch mit dem irakischen Dialekt unterstützt. Und in meiner Muttersprache hätte ich mit keinem Regisseur lieber gearbeitet als mit David Nawrath – so einfühlsam, präzise und respektvoll, wie er ist. Neben Arabisch und Deutsch spreche ich auch Englisch. Und durch mehrere Rollen hatte ich das Privileg, auch auf Kurdisch zu spielen – dabei habe ich mir Grundkenntnisse angeeignet.

Ihr Filmvater Aziz Al-Husseini – gespielt von Moussa Sullaiman – spricht über seine Angst vor der Terrormiliz IS, nachdem er im Irak schwerste Folterungen überlebt hat. Wie haben Sie in Ihrer Jugend die Bedrohung durch den IS wahrgenommen?

Auch für mich ist es manchmal schwer, über das Leben in einem Kriegsgebiet zu sprechen. Es ist viel komplexer und oft auch unscheinbarer, als man erwarten würde. Manchmal habe ich fast vergessen, dass Krieg herrscht, weil man einfach überleben will. Bis 2014 war ich noch in Syrien und habe einige Jahre Krieg miterlebt, als er besonders brutal war. Es gab eine Zeit, in der der IS nur wenige Kilometer von meiner Stadt entfernt war. Zum Glück ist es ihnen nicht gelungen, in unsere Stadt einzudringen. Aber in einer nahegelegenen Stadt kam es zu einem Massaker, bei dem viele Menschen getötet wurden. Wir hatten wohl einfach Glück, auch wenn ich dieses Wort nicht mag, weil es so unfair klingt gegenüber denen, die es nicht hatten.



  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Sofia Velasquez

Wer so lebt, trägt die Angst irgendwann nicht mehr in sich – er wird selbst zu ihr

Tamer Trasoglu

(Murat Cem)

Murat Cem arbeitet als Vertrauensperson und schleust sich im Auftrag der Polizei in kriminelle Milieus ein, um verdeckt Informationen zu sammeln. Murats ständiger Begleiter ist die Angst, dass seine Tarnung auffliegt. Wie haben Sie die emotionale Zerrissenheit Ihrer Rolle erlebt?

Ich habe Murat nie als mutigen Helden gesehen, sondern als einen Menschen, der permanent gegen das Ertrinken kämpft. Jemand der morgens aufsteht und schon im ersten Atemzug weiß, dass heute alles vorbei sein könnte. Wer so lebt, trägt die Angst irgendwann nicht mehr in sich – er wird selbst zu ihr. Sie sitzt in jeder Bewegung, in jedem Blick, in jedem Schweigen. Mich hat fasziniert, dass unter all diesen Schichten ein Mensch steckt, der sich nichts sehnlicher wünscht, als dazuzugehören. Murat hat fast etwas Kindliches. Er glaubt an die Idee von Gerechtigkeit. Er träumt davon, Polizist zu sein, Anerkennung zu bekommen und endlich Teil einer Gesellschaft zu werden, die ihn sieht. Dieser Traum gibt ihm Kraft. Aber genau dieser Traum wird im Laufe der Geschichte immer wieder erschüttert. Er merkt, dass er gebraucht wird – aber nicht als Mensch. Sondern als Werkzeug. Es gibt Momente, in denen ihm sehr schmerzhaft bewusst wird, dass seine Existenz vor allem funktional ist. Für mich war deshalb nicht die größte Herausforderung, Angst zu spielen. Angst kann man darstellen. Viel schwieriger ist es einen Menschen zu zeigen, der seine Angst jeden Tag verschluckt.

Murat Cem muss, um seine Tarnung aufrechtzuerhalten, immer wieder mit Herausforderungen kämpfen – sei es der schlampig gefälschte Führerschein oder die Aufgabe, seine Familie zu schützen. Was denken Sie, ist für Vertrauenspersonen der Polizei die größte Herausforderung?

Ich glaube, die größte Herausforderung ist nicht die Angst entdeckt zu werden. Es ist die Herausforderung, jeden Tag glaubwürdig ein Leben zu führen, das nicht mehr das eigene ist. Normal zu wirken, während im Inneren längst nichts mehr normal ist. Wir alle bewegen uns im Alltag mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Eine Vertrauensperson kann sich diesen Luxus nicht leisten. Jeder Satz wird abgewogen. Man erzählt nicht mehr die Wahrheit, sondern die Version der Wahrheit, die in diesem Moment das Überleben sichert. Deshalb glaube ich, dass das eigentliche Risiko eines solchen Lebens nicht nur darin besteht, enttarnt zu werden. Sondern darin, sich selbst zu verlieren.

Auf Ihre Rollen bereiten Sie sich gewissenhaft vor und trainieren viel. Wie haben Sie sich auf den V-Mann Murat Cem vorbereitet?

Mir war schnell klar, dass ich Murat nicht darstellen wollte. Ich wollte verstehen, wie sich ein Körper verändert, wenn ein Mensch über Monate unter permanenter Anspannung lebt. Deshalb habe ich mein eigenes Leben radikal umgestellt. Ich habe innerhalb von zehn Wochen 14 Kilo abgenommen – von 94 auf 80,2 Kilo. Nicht aus einem ästhetischen Gedanken heraus, sondern weil ich wollte, dass mein Körper irgendwann anfängt, gegen mich zu arbeiten. Hunger verändert einen Menschen. Er mach ihn dünnhäutiger, unruhiger, reizbarer. Genau dieser Zustand war für Murat entscheidend. Fünf Monate vor Drehbeginn habe ich mich mit meiner Frau zusammengesetzt, denn von da an habe ich nicht nur anders gegessen, sondern auch anders gelebt. Ich habe meine Haare wachsen lassen, bis sie mich beinahe überwucherten. Ich habe fast nur noch Schwarz oder Grau getragen, auf Medien verzichtet, Licht gemieden. Ich wollte alles ausschalten, was Leichtigkeit erzeugt. Keine schnellen Glücksmomente, keine Ablenkung. Stattdessen Dunkelheit, Stille, Rauschen, Sirenen, metallische Klänge. Geräusche wurden zu einem Werkzeug, um einen inneren Zustand zu erreichen. Der Moment hingegen, in dem ich wusste, dass ich Murat gefunden hatte, war ein ganz leiser. Ich saß mit meiner Familie am Esstisch und merkte plötzlich, dass ich die Welt nicht mehr mit meinem Blick betrachtete, sondern mit seinem.



  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Hubert Mican

Die Rolle von Anis Amri ist eine recht stumme Rolle, mit wenig Dialog. Es ging vielmehr ums Gefühl, wie er blickt, wie er sich bewegt, was er machen oder nicht machen würde.

David Nawrath

David Nawrath und Wael Alkhatib

(Regisseur und Rolle Anis Amri)

Herr Alkhatib, Sie sind erst 21 Jahre alt und die Serie „Breitscheidplatz 19/12“ ist nach dem Kinofilm „Sonne und Beton“ schon die zweite bemerkenswerte Produktion, in der Sie mitwirken. Was waren Ihre Gedanken, als Ihnen die Rolle des Attentäters Anis Amri angeboten wurde?

Wael Alkhatib: Über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt wusste ich fast gar nichts. Ich bin Ende 2014 nach Deutschland gekommen, da war ich gerade zehn Jahre alt. Als ich das Drehbuch bekommen habe, habe ich angefangen, Informationen zu sammeln. Ich habe Leute gefragt, die ihn damals miterlebt haben. Und als mir dann die Rolle des Anis Amri angeboten wurde, musste ich mir erst darüber im Klaren werden, ob ich das machen möchte. Aber letztendlich habe ich mir gedacht, es ist nur eine Rolle. Ich habe dann noch meinen Vater gefragt, ich wollte seine Meinung hören. Aber eigentlich war für mich klar, dass ich Anis Amri darstellen möchte. Ich hatte aber Angst davor.

David Nawrath: Wieso hattest du Angst, was waren deine Sorgen?

Wael Alkhatib: Ich wollte nicht in die Terroristen-Schublade gesteckt werden. Ich wollte nicht, dass Menschen mich so sehen. Davor hatte ich Angst. Aber dann hätte ich letztendlich auch „Sonne und Beton“ nicht spielen dürfen.

Herr Nawrath, wie sind Sie auf Wael aufmerksam geworden?

David Nawrath: Meine Casterin Stephanie Maile und ich kannten Wael tatsächlich aus „Sonne und Beton“. Da war er uns beiden aufgefallen. Ich fand, er hat einfach eine ganz besondere Präsenz. Wir haben nach einem Video-Casting gefragt. Das hat er selbst aufgenommen – mit einem Freund zusammen, in der Küche. Wael hat ein bisschen erzählt, über sich und seine Geschichte. Das fand ich wirklich spannend. Und dann ist er ins Casting gekommen – und da war dann klar, dass er die Rolle spielen sollte. Wir hatten davor lange nach der Besetzung Anis Amri gesucht. Wir haben international gesucht, in Frankreich und Dänemark gecastet und auch deutschlandweit.

Herr Alkhatib, Sie sind als Kind 2014 ohne Eltern vor dem Bürgerkrieg in Syrien nach Deutschland geflüchtet. Herr Nawrath, Sie haben einen Teil Ihrer Kindheit im Iran verbracht, Sie sprechen Farsi und verstehen ein bisschen Arabisch. Wie haben Sie diesen bilingualen Dreh erlebt?

David Nawrath: Ich verstehe nur einzelne arabische Wörter. Wael hat mir immer wieder arabische Sätze beigebracht und ich habe versucht, sie akzentfrei nachzusprechen. Er hat mir in den Drehpausen kurze Arabisch-Stunden gegeben.

Wael Alkhatib: Wenn ich Deutsch spreche, dann ergänze ich eigentlich immer auf Arabisch, wie Habibi, „mein Lieber“, oder shukran für „danke“. Das hat David mitbekommen und er hat nachgefragt: „Heißt das so wie auf Farsi?“ David hat die Wörter seiner Sprache mit den arabischen verglichen.

David Nawrath: Wenn wir einen Dialog hatten, hatte Wael Vorschläge, wie er es sprechen und welche Wörter er noch reinbringen würde. Da mein Co-Autor und ich kein Arabisch sprechen, hatten wir die Sprache nur imitiert. Wael hat durch seine Kenntnisse und durch seine Sprache die Dialoge letztendlich noch glaubhafter gemacht. Es war ein wichtiger Austausch, um einen glaubhaften deutsch-arabischen Mix hinzubekommen.

Wael Alkhatib: Ich habe mir gedacht, wenn Sprache vom Deutschen ins Arabische übersetzt wird, dann kann es nicht gut rüberkommen. David gibt einem da viel Raum, er lässt einen mitentscheiden.

David Nawrath: Wael hat einen syrischen Hintergrund, die Rolle des Anis Amri ist aber tunesisch. Wir haben lange nach einem tunesischen Schauspieler gesucht, haben aber keinen gefunden, der gepasst hätte. Und diese Aufgabe, dass er einen tunesischen Akzent spricht, war für Wael harte Arbeit. Er hatte einen sehr hohen Anspruch, es wirklich so klingen zu lassen wie Tunesisch.

Herr Alkhatib, Sie haben in Syrien das Grauen des Bürgerkriegs erlebt und hatten durch die Flucht die Chance, alles hinter sich zu lassen. Wie entstand der Wunsch, Schauspieler zu werden?

Wael Alkhatib: Durch einen arabischen Schauspieler, durch Mohamed Ramadan. Mein erster Film, den ich in meinem Leben gesehen habe, war mit ihm. Das war 2011. Wir sind von Syrien in den Libanon geflüchtet und dort habe ich dann den Film gesehen. Seitdem wusste ich, dass ich vor die Kamera will. Aber nach einer Flucht, wenn du dann irgendwo mit neuer Sprache hinkommst, sind alle Träume weg. Du glaubst nicht daran, dass du eine Sprache lernen kannst, dass du Deutsch so gut lernen kannst, dass du mit deutschen Schauspielern mithalten kannst.

Herr Nawrath, wie haben Sie mit Wael gearbeitet und ihm den fiktionalen Stoff nähergebracht?

David Nawrath: Die Rolle von Anis Amri ist eine recht stumme Rolle, mit wenig Dialog. Es ging vielmehr ums Gefühl, wie er blickt, wie er sich bewegt, was er machen oder nicht machen würde. Ich habe mich da sehr auf Waels Gefühl für Anis Amri verlassen. Er hatte ihn sofort begriffen, diesen Typ Mensch, wenn man so will. Wael hat immer gesagt, „ich kenne diesen Typen, ich kenne ihn, ich habe ein Gefühl für ihn“. Unser Wissen über Anis Amri ist natürlich sehr lückenhaft, was zum Beispiel seine Charaktereigenschaften angeht. Wael hat Vorschläge gemacht – und wir haben uns für ein oder zwei Varianten entschieden. Es war eigentlich eine ständige Suche. Aber was sich richtig anfühlt, habe ich meistens erst in dem Moment, in dem Wael es gespielt hat, gewusst.

Wael Alkhatib: Meiner Meinung nach war Anis Amri ein zerrissener Typ. Er wirkte verwirrt – durch Drogen und vom Islamismus. Er wusste nicht, was er wollte.

David Nawrath: Wie eine verlorene Seele, wie ein Geist, der durch diese Welt wandert. So habe ich ihn auch immer empfunden. Man versucht immer, Figuren im Film zu erschaffen, denen man näherkommt. Aber bei der Figur von Anis Amri ging es nicht darum. Das war ein ganz besonderer Balance-Akt.



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Kameramann Tim Kuhn (li) und Regisseur David Nawrath (re)

















  • Bild: ARD Degeto Film/HR/NDR/rbb/NEUESUPER GmbH/Hubert Mican

Die Folgen 1 bis 3 von „Breitscheidplatz 19/12“ sind im Presse-Vorführraum zur Ansicht verfügbar:

www.ard.de/die-ard/ard-programmdirektion/programmpresse/vorfuehrraum

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